„Götter in Weiß“
vom Mythos des Arztberufs

„Götter in Weiß“ - Der Titel der Ausstellung, die am Sonntag im Wilhelm-Fabry-Museum eröffnet wird, weckt die Assoziation mit der - mal bewundernd, oft aber auch ironisch verwendeten - Bezeichnung „Halbgötter in Weiß“ für den Berufsstand der Ärzte.

von Barbara Steingiesser
Quelle: Rheinische Post, Mittwoch, den 16. April 2010
Wenn man jedoch die historische Dimension einbezieht, spannt dieser Titel den Bogen von Asklepios (Äskulap), dem antiken Gott der Heilkunst, bis zum Arzt der Gegenwart, der im weißen Kittel praktiziert. Die von Kunsthistorikerin Dr. Sandra Abend zum Fabry-Jahr kuratierte Schau widmet sich Arztmythen und ihren Wandlungen, wie sie sich in der bildenden Kunst vom 4. Jahrhundert v. Chr. bis heute präsentieren.
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Der Arztberuf war von jeher mit Mythen verbunden, da sich auf die Fähigkeit des Arztes zu heilen in entscheidenden Situationen des Lebens die ganze Hoffnung des Patienten konzentriert und auf sein mögliches Versagen dessen ganze Angst. Glückt die Genesung in einem scheinbar aussichtslosen Fall, so werden die Momente des Helfens und Heilens nur umso stärker als magisch empfunden. Die sowohl kultur- als auch kunsthistorisch bemerkenswerte Ausstellung versammelt Gemälde, Zeichnungen, Druckgrafiken und Fotografien, die aus Sammlungen im In- und Ausland zusammengetragen wurden.

Mit Kittel und Mundschutz
Sie zeigt Asklepios in der Toga, eine Kopie von Rembrandts Dr. Tulp, der im schwarzen Mantel mit Spitzenkragen und Hut eine Leiche seziert, Louis Pasteur im schwarzen Anzug, Ernst von Bergmann im weißen Kittel, den er 1891 aus Gründen der Hygiene einführte, und Chirurgen des 20. und 21.Jahrhunderts mit grünem Kittel, Mundschutz und OP-Handschuhen. Wie die Berufskleidung, so wandelten sich auch die Insignien des Arztes in der bildenden Kunst - von dem mit einer Schlange umwundenen Äskulapstab (noch heute das Symbol des Arztberufs) zum Harnglas, dem Erkennungszeichen des Arztes im 16. und 17.Jahrhundert, als die Harnschau zur Diagnose eingesetzt wurde. In späteren Darstellungen, wie einer Kopie von Otto Dix‘ Porträt des Urologen Dr. Koch, begegnen dem Betrachter Injektionsspritze oder Stethoskop.
In manchen Situationen mag der Arzt dem Patienten so erscheinen, wie Hendrik Goltzius ihn 1587 überspitzt darstellte, nämlich als Gott (wenn er zu heilen vermag), als Engel, als Mensch oder schließlich als Teufel (wenn er die Rechnung schreibt). Das kleinste Exponat der Ausstellung, ein Exlibris von Daniel Chodowiecki, mag dem Arzt wie dem Patienten gleichermaßen gefallen. Es zeigt eine Situation, die wir uns alle wünschen: Der Arzt richtet seinen Äskulapstab als Speer gegen den Sensenmann - und siegt.

Abb.: Dr. Sandra Abend vor der Kopie eines Porträts des Urologen Dr. Koch, das Otto Dix gemalt hat. Jose Fernandez hat es kopiert. Dr. Wolfgang Antweiler hält ein Harnglas in der Hand. Foto: Olaf Staschik


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