Medizinische Aphorismen wirken rezeptfrei

Wenn ein Abend unter dem Motto „Der Zweck heiligt die Kittel“ steht, im Fassraum des Wilhelm- Fabry-Museums veranstaltet wird und der Vortragende Jürgen Wilbert heißt, dann darf man zu Recht davon ausgehen, dass kluge Sprüche zum Schmunzeln auf dem Programm stehen.

von Uli Schmidt
Quelle: Rheinische Post, Samstag, den 20. November 2010
Dr. Jürgen ilbert
Einen „aphoristisch- literarischen Streifzug“, der das Verhältnis Arzt - Patient in den Mittelpunkt stellt, hatte Wilbert versprochen - und blieb seinen zahlreichen Fans im Publikum nichts schuldig.
Fabry: Arzt soll nicht schwätzen
Ob Hippokrates oder Heraklit - schon in der Antike wussten kluge Köpfe um den Wert von Begriffsbestimmungen mit Pfiff und Pointe. Auch Fabry, Hildens prominenter Mediziner, reimte sich Überzeugungen wie „ein Arzt sollte nicht so viel schwätzen“ und „Kranke auf ärztliche Weisung Diät halten“ zusammen. Dass „Halbgötter in Weiß“ sich gern als Götter höchstpersönlich betrachten oder ein Zahnarzt jemand ist, der gern von der Hand in den Mund lebt, flocht Wilbert in gewohnt routinierter Art mit ein.
Der Hildener VHS-Dozent versteht es einfach, Vordergründigem Tiefsinn zu verleihen. „Ein Chefarzt ist persona non gratis“, der beim Honorar dem „Neid des Hippokrates“ erliegt. Natürlich bekamen auch Patienten ihre Spitzen: „Ein eingebildeter Kranker ist ein halbgebildeter Gesunder“. Oder wie stellte Marcel Proust fest: „Allein dem Schmerz gehorchen wir.“ Abwechslungsreich wurden die amüsanten Gedichte und Gedankensplitter immer wieder von Birgit Riepes Saxophon-Klängen betont. Ihre Melodien machten sich gut als Inseln im Fluss der vielen Worte.
Wilbert rezitierte auch Kollegen
Neben eigenen schlagkräftigen und wortwitzigen Heil- und Pflegesätzen kamen viele Aphorismen von Gerhard Uhlenbruck, einem zeitgenössischen Autor und Mediziner, zum Einsatz. Außerdem las Jürgen Wilbert Texte von Dichter-Größen wie Twain und Tucholsky, von Erich Kästner und Christian Morgenstern - letzteren mit (dem) „Schnupfen“.
Sogar Robert Koch hat sich über seine Profession Gedanken gemacht: „Wenn ein Arzt hinter dem Sarg seines Patienten geht, folgt manchmal die Ursache der Wirkung.“ Humor ging natürlich mit Texten von Heinz Erhardt einher („Die einzigen Werte, die im Alter noch interessieren, sind die Laborwerte“) oder kam mit Karl Kraus ins Spiel, der meinte: „Gesund ist man erst, wenn man wieder tun darf, was krank macht.“ Hypochonder, so war zu lernen, hören sowieso das Gras wachsen, von welchem sie glauben, bald rein beißen zu müssen. Raucher dagegen sollten bedenken, dass ihr Leben auf der Kippe stehe.
Mit einem Sketch von Karl Valentin und Liesel Karlstadt fand der amüsante Abend einen viel beklatschten Schluss. Wer nicht dabei war, kann die witzigen Texte von Eugen Roth im Rahmen der aktuellen Ausstellung im Fabry-Museum nachlesen.

Abb.: Jürgen Wilbert verleiht Vordergründigem Tiefsinn

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