RP SERIE WILHELM FABRY (9)
Amulette gegen die Pest

Auch ein kritischer Geist wie Wilhelm Fabry ist abergläubisch. Er glaubt, dass „schlechte Dämpfe in der Luft“ die Ursache der Seuche sind. 308 natürliche Heilmittel scheinen ihm für Pulver, Salben und Arzneien geeignet.

von Uli Schmidt
Quelle: Rheinische Post, Montag, den 28. Oktober 2009
Wie soll man sich der Persönlichkeit eines Menschen nähern, der vor 375 Jahren gestorben ist? Im Falle Fabrys können wir heute dankbar sein, dass dieser Mann so viel geschrieben hat. Neben seinen medizinischen Schriften verfasst er nämlich auch umfangreiche Werke, teilweise in Versform, die sich mit dem Thema Glauben und christlicher Lebensführung beschäftigen. Als überzeugter Calvinist vertritt Fabry die Auffassung, dass man sich Gottes Gnade erarbeiten muss: „Man soll sich um Selbsterkenntnis in dem betrüblichen Jammertal des Lebens bemühen, um den Sinn seines Daseins auf Erden zu begreifen und sich auf das Jenseits vorzubereiten.“ Die zu seiner Zeit noch praktizierte Inquisition, Folter und Hexenverbrennungen kritisiert er aufs Schärfste. Als Protestant behandelt er auch Katholiken, macht keinen Unterschied zwischen armen und reichen Patienten. Krankheiten und Unfälle hält er für Gottes Strafen.
Arzneitöpfe
Der Dreißigjährige Krieg (1618 bis 1648) macht jede seiner Reisen gefährlich, weil Mord und Plünderungen an der Tagesordnung sind. Und die Pest tut ein Übriges, menschliches Leben zu vernichten. Ist es da ein Wunder, dass auch ein wacher Geist wie Fabry abergläubisch ist und Amulette gegen die Pest trägt? Zumal er selbst diese Krankheit überlebt hat, aber zwei Töchter an sie verliert. Er glaubt, dass „schlechte Dämpfe in der Luft“ die Ursache der Seuche sind, behandelt aber trotzdem viele Pestkranke. Dass Ratten und Flöhe die Infektions-Krankheit übertragen, ist damals unbekannt.
In seiner Schrift „Sanitätskiste“ erwähnt Fabry insgesamt 308 natürliche Heilmittel, die ihm für Pulver, Salben und Arzneien geeignet scheinen. Gleichzeitig kämpft er gegen die Kurpfuscherei von Kollegen, kritisiert besonders die Schüler des Paracelsus, die nichts von Anatomie halten und deshalb vielen Patienten mehr schaden, als sie zu heilen.
Fabry und seine Frau Marie Colinet gehören einem pietistischen Kreis an und pflegen viele Kontakte zu Theologen und Gleichgesinnten. Der Medicus aus Hilden gönnt sich als einzigen Luxus abends ein Glas Wein, den er „als Stärkungsmittel für den Magen“ empfiehlt. Das hält ihn aber nicht davon ab, 1623 eine „Christliche Abmahnung von der Trunkenheit“ zu verfassen. Sein Buch „Spiegel des menschlichen Lebens“ von 1621, über 460 Seiten stark und in Versen verfasst, behandelt theologische und weltanschauliche Themen.
Wer sich mit Fabrys medizinischem Wissen (und seinen Moralvorstellungen) beschäftigen möchte, dem sei das 1628 erstmals veröffentlichte „Schatzkämmerlein der Gesundheit“ in der Übersetzung von Dr. Ernst Huckenbeck empfohlen, die der Museums- und Heimatverein in diesem Jahr anlässlich seines 25-jährigen Bestehens herausbrachte.

Inquisition
Beginn 1231 durch die Ketzerdekrete von Papst Gregor IX.
Lateinisch für „gerichtliche Untersuchung“. Bezeichnet die seit dem Mittelalter eingerichtete Behörde der katholischen Kirche, deren Aufgabe darin bestand, „Ketzer“ (aus Sicht der Kirche „Nicht- Rechtgläubige“) zu verfolgen, vor Gericht zu stellen und zu verurteilen.
Härteste Strafe war das Verbrennen eines Menschen auf dem Scheiterhaufen, damit dessen Seele durch Fürbitte-Gebete gerettet werde. In einigen Ländern bis zum 19. Jahrhundert angewendet.


Abb.: Im Wilhelm-Fabry-Museum sind Apothekengefäße zu sehen. Eines enthält Unguentum Aegyptiacum, eine ägyptische Salbe, die auch Wilhelm Fabry in seiner Praxis einsetzte. Foto: Olaf Staschik
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