9. September 2010 um 19.30 Uhr • Wilhelm-Fabry-Museum
Wilhelm Fabrys "Monster von Lausanne" (1614)
Geschichte und Faszination tierischer Missgeburten
Vortrag von Prof. Dr. Dr. Johann Schäffer, Tierärztliche Hochschule Hannover

Tierische Wundergeburten (terata, monstra) haben die Menschen seit Jahrtausenden fasziniert.
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Die älteste und umfangreichste Dokumentation ist die Omenserie „šumma izbu“ = „Wenn eine Missgeburt“ aus der Keilschriftbibliothek Assurbanipals. Mehr als 2000 Geburts- und Missgeburtsomina boten den Priestern ein fundiertes Nach-schlagewerk für ihre Prodigien. Nach Aristoteles berichten Titus Livius oder Claudius Aelianus über fetale Mißbildungen bei Haustieren, z. B. über Fälle von Dizephalie beim Schwein, Monobrachie beim Esel und Polymelie beim Rind.
Eine weithin bekannte bildliche Darstellung ist „Die wunderbare Sau von Landser“ von Albrecht Dürer. Dem Motiv liegt die Geburt einer Duplicitas posterior mit Notomelie und Dignathia inferior im Jahr 1496 zugrunde. Ein fast identischer Fall wird Anfang August 1614 in Lausanne als Nebenbefund bei der Schlachtung eines Mutterschafes bekannt. Wilhelm Fabry führt die Sektion des männlichen Feten durch und publiziert seinen Bericht als „De monstro Lausannae Equestrium exciso“ (1615) mit Widmung an seinen Baseler Lehrmeister Caspar Bauhin.
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Fabry nimmt diesen Fall einer symmetrischen Doppelmissbildung beim Schaf zum Anlass, den Sektionsbefund um drei weitere Fälle zu ergänzen: 1. eine Doppel-missbildung beim Schaf, die etwa gleichzeitig in Bern aufgetreten war und die er ausgestopft begutachten konnte, 2. ein reinweißer Maulwurf (Albino) vom Murtensee bei Freiburg, ein Trockenpräparat aus seiner Raritätensammlung, und 3. ein Bericht und eine Abbildung über die Doppelmissbildung eines Hahnes, der im Jahr 1586 knapp drei Wochen lang in Châtel-Saint-Denis gelebt hatte.

Die Duplicitates 1 und 3 ergänzen den Lausanner Befund wissenschaftlich gut. Über Fabrys Kommentar zum Maulwurf-Beispiel lässt sich hingegen trefflich spekulieren: „Möge der allesverzeihende und barmherzige himmlische Vater in Rücksicht auf das Verdienst seines eingeborenen Sohnes uns durch die Kraft seines Geistes erleuchten und erwirken, dass wir zu Ihm hin umkehren, auf dass alle diese Monstra letztendlich kein monströses, d. h. mit großem Schaden einhergehendes, Ereignis ankündigen! Dass sich nämlich derlei sehr oft schließlich doch ereignet habe, haben Julius Obsequens und andere Autoren beobachtet und verbucht“ (Fabry 1615, 13).

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