8. Juli 2010 um 19.30 Uhr • Wilhelm-Fabry-Museum
„Besser ein zweifelhaftes Mittel anwenden als gar keines“
Der Aderlass in der vormodernen Medizin
Vortrag von Prof. Dr. Karl-Heinz Leven, Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Der Aderlass (gr. phlebotomia; lat. venaesectio, „Schneiden der Ader“) gehörte in der antiken, mittelalterlichen und ebenso in der frühneuzeitlichen Medizin zu den üblichen Behandlungsverfahren.
Der römische enzyklopädische Autor Celsus (1. Jh. n. Chr.) stellte fest (De medicina 2, 10, 1), es gäbe kaum eine Krankheit, bei man den den Aderlass nicht anwende. Die Indikationen für den Aderlass reichten von Fieber und Entzündungen über Schmerzzustände bis hin zu allen akuten Krankheiten. Der Aderlass galt in den Eskalationsstufen der antiken Heilweisen (aufsteigend von der Diätetik über die Pharmakologie bis zur Chirurgie) als „starkes Hilfsmittel“. Die Entziehung von Blut gründete theoretisch im Konzept der Humoralpathologie (Säftelehre): danach waren die vier Körpersäfte Blut, gelbe Galle, schwarze Galle und Schleim, deren gute „Mischung“ Gesundheit bedeutete, qualitativ und quantitativ durch den Aderlass zu beeinflussen. Konkret handelte es sich hierbei um eine Maßnahme gegen die als krankheitsauslösend angesehene „Überfüllung mit Blut“.

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Der Aderlass ergänzte das natürliche Vermögen des Körpers, überflüssiges Blut auszuscheiden, wie es bei der Menstruation und bei Blutung aus Hämorrhoiden geschah. Für die Ausführung des Aderlasses gaben die medizinischen Texte genauere Anleitung: Die Venen in der Ellenbeuge, einem bevorzugten Ort für den Aderlass, sollten durch Binden fixiert werden. Das Messer für den Aderlass hatte verschiedene Formen. Aufgefangen wurde das Blut in einem bronzenen Becken. Selten finden sich Angaben über die Menge des Blutes beim Aderlass; eine genaue Zuordnung von Krankheitsbild und der durch Aderlass abzunehmenden Blutmenge gab es nicht. Bei schwerwiegenden Krankheiten galt die durch den Aderlass eintretende Bewußtlosigkeit als Zeichen guter Wirkung. Das beim Aderlass gewonnene Blut konnte auch einer „Blutschau“ (Hämatoskopie) im Sinne einer qualitativen Untersuchung auf krankhafte Zusammensetzung unterzogen werden. Diese diagnostische Methode findet sich verstärkt in der mittelalterlichen Medizin.

Der Aderlass blieb auch nach der Entdeckung des Blutkreislaufs (William Harvey, 1628) ein bevorzugtes Mittel; so wurde er während der Pockenepidemien im 17. und 18. Jahrhundert und der Cholera-Epidemien des 19. Jahrhunderts angewandt. Zeitgenössische Beobachter erkannten, dass der Aderlass offensichtlich mehr schadete als nützte und – entgegen der Aussage des antiken Gelehrten Celsus – keine Therapie manchmal doch besser war als eine (zu) gefährliche.


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