27. Mai 2010 um 19.30 Uhr • Wilhelm-Fabry-Museum
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Von Kranken und deren Geschichten
Medizinische Kasuistik als Erzählkunst
Vortrag von Prof. Dr. phil. Dr. rer. med. Mariacarla Gadebusch Bondio, Institut für Geschichte der Medizin der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald

Sammlungen von Fallbeschreibungen bilden eine traditionsreiche literarische Gattung in der Medizin. Sie beinhalten ausgewählte Beispiele (exempla), die sich aufgrund ihrer Bedeutung zur Vermittlung und Memorierung medizinischen Wissens und ärztlicher Praktiken besonders gut eigneten.
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Entsprechend galten sie als beliebte Lektüre angehender Mediziner und in der Praxis tätiger Ärzte, die in prägnanten Beispielen professionelle Orientierung und Gedächtnisstützen fanden.
Mit seinem Werk Opus observationum… beschränkt sich Hildanus nicht auf die nüchterne Wiedergabe seiner medizinischen „Beobachtungen“. Die von ihm zusammengestellten observationes illustrieren menschliche Schicksale und geben indirekt kostbare Informationen zum gesellschaftlichen Kontext, in dem Frauen und Männer, Kinder und Greise Behinderungen, Erkrankungen oder Verletzungen erlebten und im besten Fall überwanden. Sie berichten von guten und schlechten Ärzten, Chirurgen und Scharlatanen sowie ihrem Umgang mit Instrumenten, operativen Verfahren oder medikamentösen Mitteln.
Kurz: die Fallbeispiele des Hildanus stellen eine humanistische Leistung kasuistischer Erzählkunst dar, in der der erzählende Arzt Mensch bleibt und die Schatztruhe seiner langjährigen praktischen Erfahrung mit der aus manchen Geschichten extrapolierbaren Moral auszuschmücken weiß.

Abb.: Fabricius Hildanus, Wilhelm: Opera observationum et curationum medico-chirurgicarum, quae exstant omnia, Francofurti J. L. Dufour, 1682.

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