25. März 2010 • 19.30 Uhr
Wilhelm-Fabry-Museum

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Ubi est morbus?
Wilhelm Fabry´s Demonstrationen über Sitz und Ursachen der Krankheiten
Vortrag von Prof. Dr. Irmgard Müller, Ruhr-Universität Bochum, Institut für Medizinische Ethik und Geschichte der Medizin

In den Lehrbüchern zur Geschichte der Medizin wird gewöhnlich der Paduaner Anatom Giovanni Battista Morgagni (1682-1771) als Begründer der Pathologischen Anatomie gefeiert, der in seinem 1761 erschienen Werk „De sedibus et causis morborum per anatomen indagatis“ (Über Wesen und Sitz der Krankheiten, aufgespürt durch die Anatomie) als erster die Ursachen bestimmter Krankheitssymptome konsequent in die Organe verlegt habe.
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Mit diesem Konzept sei die endgültige Abkehr von der antiken Humoralpathologie im Sinne Galens (2. Jh. n. Chr.) vollzogen worden, der die pathologischen Veränderungen allein auf das Mischungsverhältnis hypothetischer „Säfte“ (humores) zurückgeführt hatte.

Ein Blick in die 600 „Observationes“ umfassenden Opera omnia Fabrys von Hilden zeigt, dass dieses Konzept keineswegs so innovativ oder überraschend war, wie es in der Literatur propagiert wird. Bereits Fabry von Hilden bemühte sich in einer für seine Zeit ungewöhnlichen Anstrengung, Obduktionen durchzuführen, wo immer es möglich war, um aus den vorgefundenen Veränderungen der Organe Schlussfolgerungen auf die beobachteten Symptome ziehen zu können. Am Ende seiner Fallgeschichten stellte er sich immer wieder hartnäckig die Frage nach dem kausalen Zusammenhang des Autopsiebefundes mit der klinischen Symptomatik.

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In den Würdigungen von Fabrys Lebenswerk, die in der Regel seine besonderen chirurgischen Leistungen in den Vordergrund stellen, wird dieser neuen pathologisch-anatomischen Betrachtungsweise Fabrys kaum Aufmerksamkeit geschenkt und übersehen, dass Fabry über die chirurgische Kunst hinaus die Hauptaufgabe eines Medicus darin sah, dass er die „Krankheit und den Sitz erkenne“. Als grundlegendes Erkenntnismittel auf dem Weg zu diesem Ziel galt ihm die Anatomie, denn sie zeigt dem Arzt „den Ort, in dem die Krankheit ihren Sitz hat“. Fabry kämpfte daher in einer Zeit, da die Leichensektion als unchristliche Tätigkeit bei vielen zeitgenössischen Ärzten noch auf Widerstand stieß, unerbittlich dafür, die Anatomie „ex fundamentis zu exerciren“. Ein Arzt ohne anatomische Kenntnis galt ihm wie ein Schiffer ohne Steuerruder. In dem Beitrag soll die Bedeutung Fabrys als „Schrittmacher“ auf dem Weg zu einem neuen Krankheitskonzept am Beispiel seiner Fallbeschreibungen (Observationes) im einzelnen aufgezeigt werden.

Abb. 1:  W. Fabry, Opera omnia, 1682, Cent. II, obs. 89, S. 267
Abb. 2: W. Fabry, Opera omnia, 1682, Titelblatt
Abb. 3: Johannes von Muralt, Vade mecum anatomicum sive clavis medicinae pandens experimenta de humoribus, partibus, et spiritibus. Zürich 1677

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